HOMME DéVOILANT UNE FEMME (MANN, DER EINE FRAU ENTHüLLT)
FIGURE AVEC RAYONSTête de FauneHomme dévoilant une femme (Mann, der eine Frau enthüllt)COLOMBE VOLANT
Pablo Picasso
MáLAGA 1881 - 1973 MOUGINS
HOMME DéVOILANT UNE FEMME (MANN, DER EINE FRAU ENTHüLLT)
1931
KALTNADELRADIERUNG AUF VERGÉ DE MONTVAL

45 X 33,7 CM
PROVENIENZ

SAMMLUNG PETIET (VORDERSEITIG DER RELIEFSTEMPEL UND RÜCKSEITIG DER SAMMLUNGSSTEMPEL „HMP“), PARIS


GALERIE PROUTÉ, PARIS


PRIVATSAMMLUNG, ZÜRICH

LITERATUR

WERKVERZEICHNIS GEISER BAER, PICASSO PEINTRE-GRAVEUR, TOME I,  CATALOGUE ILLUSTRÉ DE L'OEUVRE GRAVÉ ET LITHOGRAPHIÉ 1899-1931. ERSTAUSGABE: BERN, 1933.

Pablo Picasso wurde auch der "Magier der Graphik" genannt.[1] Diese Bezeichnung umgreift jedoch nicht nur die unbändige Kreativität des Künstlers, welche er auf diesem Gebiet – und auf vielen anderen - entfaltet hat. Sie bezieht sich auch auf die elementare und immer wieder überraschende Formensprache, seine technische Meisterschaft, sein handwerkliches Können und seine lebenslange Experimentierfreude. Neben seinem kaum überschaubaren malerischen und zeichnerischen Werk ist er der Urheber des bedeutendsten druckgraphischen Œuvres seiner Zeit. Wesentlich konsequenter als in der Malerei konnte der Künstler in der Druckgraphik mit Linien und Kontrasten zwischen Schwarz und Weiß, zwischen der Farbe und dem Grund experimentieren. Unter den zahlreichen Serien ist die sogenannte „Suite Vollard“, entstanden zwischen 1930 und 1937, die wohl am meisten bewunderte Reihe und ist kennzeichnend für diese besonders reiche Phase in Picassos druckgraphischem Lebenswerk. Benannt nach dem berühmten Kunsthändler Ambroise Vollard (1866-1939), der dem jungen Künstler bereits im Jahr 1901 seine erste Ausstellung ermöglichte, schuf Picasso hier eine faszinierende Folge von hundert Grafiken, in deren Variationen unterschiedliche Themen wie Künstler und Modell, der Minotaurus-Mythos, das Atelier des Bildhauers sowie die grundsätzliche Auseinandersetzung mit Rembrandt virtuos in Szene gesetzt werden und durch eine Fülle von Motiven und technischer Raffinesse ihresgleichen suchen. Picasso soll dem Kunsthändler die Sammlung im Tausch für zwei Bilder von Renoir und Cézanne überlassen haben. Nach dem überraschenden Tod des Förderers im Jahre 1939, gingen die Druckplatten und Arbeiten in den Besitz des Sammlers und Verlegers Petiet über.


Auch die vorliegende Arbeit entstammt der „Suite Vollard“ und zeigt einen nackten Mann, welcher im Begriff ist, die unter einem Tuch unbekleidet vor ihm liegende Frau aufzudecken. Picasso setzt bei diesem Motiv die Klarheit reiner Linien gegen Partien, die durch dichtgelagerte Schraffur oder weiche, wie mit dem Pinsel eingetragene Schattierung einen gänzlich anderen, intensiv "modellierten" Charakter erhalten. Hier zeigt sich die Konfrontation gegensätzlicher Gestaltungsmöglichkeiten, die bewusst ohne formale Vereinheitlichung belassen werden: Ein Element des skizzenhaft Akzentuierten, ja fast des "Unfertigen", das für den zeichnerischen Ausdruck so typisch ist, steht einem ausformulierten Element gegenüber. Es ist, als wolle er "flächig" und "räumlich" kontrastieren oder jenen Satz erläutern, den er einmal im Gespräch mit Kahnweiler formuliert hat: Im Gegensatz zur Malerei, die stets eine nachahmende Kunst bleibe, sei "nur die Strichzeichnung keine Nachahmung", sondern habe ihr "eigenes, geschaffenes Licht". [2] Die Beziehung von Mann und Frau ist ein immer wiederkehrendes Thema im Œuvre des Künstlers und spiegelt seine lebenslange Auseinandersetzung mit der Frau als Modell und Muse, Ehefrau, Mutter und Geliebte wider. Die erotische Huldigung findet sich daher oft in den Arbeiten des Künstlers und wird in unserer Komposition um ein voyeuristisches Motiv ergänzt, dessen Ursprung bereits in der Antike zu finden ist. Dieses einzigartige Blatt verweist auf die Virtuosität des großen Meisters und trägt in ihrem Signum aus Vitalität, Sinnlichkeit und künstlerischem Genie unverkennbar die Prägung des größten Künstlers des 20. Jahrhunderts.






[1] Vgl.: Fryberger, Betsy G.: Picasso: Graphic Magician, Stanford / New York 1999.




[2] Vgl.: Beaucamp, Eduard: Der Modus der Linien und die Kunst der Möglichkeiten, in: Pablo Picasso, Eine Ausstellung zum hundertsten Geburtstag, Werke aus der Sammlung Marina Picasso, Ausst.-Kat., Haus der Kunst München, Josef-Haubrich Kunsthalle Köln, Städelsches Kulturinstitut Frankfurt/M., Kunsthaus Zürich, München 1981, S. 83-89, 83, zitiert nach: Picasso: Wort und Bekenntnis, Berlin 1957, S. 17f.