OHNE TITEL
OHNE TITEL
CA. 1947-4
BLAUE TUSCHE UND BLEISTIFT AUF PAPIER
UNTEN LINKS SIGNIERT: "F.P."
27 X 21 CM
PROVENIENZ

PRIVATSAMMLUNG, PARIS

GUTACHTEN

GUTACHTEN NR. 3487 VON PIERRE CALTE, 10. NOVEMBER 2014, PARIS.

Mit subversivem Witz und einzigartiger Prinzipienlosigkeit zieht Francis Picabia als ruheloser Verwandlungskünstler seine Kreise in Kunst und Literatur und weist wie kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts derart gegensätzliche Facetten und Stilrichtungen in seinem Oeuvre auf. Der Künstler gilt als Provokateur und Querdenker der Moderne, der sich als brillanter Maler und Poet in die Kunstgeschichte eingeschrieben hat. Eines der zahlreichen und gern kolportierten Bonmots des Künstlers lautet, der Kopf sei rund, damit das Denken die Richtung wechseln könne. Durch diesen Aphorismus wird die Weltsicht des französischen Künstlers und dessen Verachtung für Stillstand und Engstirnigkeit mehr als treffend charakterisiert.


 


Auch die vorliegende Zeichnung zeugt von seiner weltoffenen Geisteshaltung und der humoristischen Malweise des Künstlers. So zeigt sie einen Pierrot, der den Betrachter von unten anblickt und dabei einen schelmischen, fast schon provokativen Ausdruck in seinen Augen aufweist. Diese Haltung findet sich auch in seinen Gesichtszügen wieder, welche - obgleich auf wenige Linien reduziert - Expressivität und das neckische Wesen des Harlekins auf einzigartige Weise darstellen. Mit verzogenen Augenbrauen, übergroßen Ohren und verkrümmten Fingern versehen, erinnert der Pierrot an eine komische Figur aus dem venezianischen Theater. Zugleich wirkt die Darstellung karikativen Charakters jedoch wie ein Ab-, und Spiegelbild des Künstlers selbst. Denn Francis Picabia galt, wie eingangs bereits erwähnt, Zeit seines Lebens als ruheloser Verwandlungskünstler, der als Provokateur mit Konventionen brach und seine Umwelt mit Witz und Charme auf einzigartige Weise erschütterte.  Auch diese großartige Arbeit des Künstlers ist auf sehr raffinierte Weise Zeugnis des starken Charakters Picabias und wirkt damit fast wie ein ironisches Selbstportrait - In Anbetracht ihrer Entstehungszeit jedoch auch wie ein politisches Statement. Denn Picabia widersetzte sich als Freidenkender und freiheitsliebender Künstler jeglicher politischer und stilistischer Unterordnung. Dies drückt sich in der vorliegenden Zeichnung durch ihre künstlerische Gestaltung auf hervorragende Weise aus. Perspektivisch überspitzt wirkt es, als stelle sich der Harlekin mit übergroßem Haupt und leicht geöffnetem Mund dem Betrachter entgegen. Dabei setzt er sich über die perspektivische Unterordnung seiner selbst hinweg und fordert den Betrachter mit schielendem Blick heraus. Mit dieser Zeichnung Damit konstatiert der Künstler nicht nur seinen exzentrischen Charakter, sondern proklamiert zugleich seine politische Haltung, die sich unbeeindruckt von jeglichen Oppressionen und Gefahren über Jahrzehnte hinweg erhielt. So liegt uns heute eine Arbeit vor, die trotz ihres witzigen Charakters als Ausdruck von Stärke und eigenständigem Denken verstanden werden darf und welche  die erstaunliche Widerstandskraft und Eigensinnigkeit ihres Künstlers widerspiegelt.