INTERIEURSZENE IN EINEM SPEISEZIMMER
Édouard Vuillard
CUISEAUX 1868 - 1940 LA BAULE
INTERIEURSZENE IN EINEM SPEISEZIMMER
1910-1920
BLEISTIFT AUF PAPIER
UNTEN RECHTS MONOGRAMMSTEMPEL: "E.V."
22,5 X 13,5 CM
PROVENIENZ

PRIVATSAMMLUNG, SCHWEIZ

Im Alter von 10 Jahren zog Edouard Vuillard mit seiner Familie nach Paris. 1886 begann er sein Studium an der École des Beaux-Arts und setzte sein Studium an der Académie Julian fort, wo er unter anderem Pierre Bonnard und Maurice Denis kennenlernte. Inspiriert von japanischen Holzschnitten und Arbeiten Gaugins gründeten sie 1888 mit Paul Sérusier, Schüler Gaugins, die avantgardistische Gruppe Nabis (Nabis hebräisch/arabisch=Erwählten, Propheten), welche nicht nur mit ihrem Namen, sondern auch mit Farbe und Perspektive provokant experimentierte und mit Symbolismus arbeitete. Ihnen schlossen sich u. a. Félix Vallotton und Henri Lebasque an.


Ungewöhnliche Bildausschnitte und neuartiger Chromatismus zeichnen Vuillards Werk aus. Um 1900 wandte sich Vuillard dem Intimismus zu, dabei bleibt sein Stil ähnlich. Er thematisierte nun vor allem das Pariser Privatleben und hielt seinen Eindruck von Menschen, Landschaften und Interieurs fest. Bei den Interieurs stellte er bevorzugt seine Familienangehörigen und Freunde dar. Er war besonders darauf bedacht, die augenblickliche Atmosphäre festzuhalten. In diesem Zeitraum entstanden außerdem etliche Fotografien, in denen er ebenfalls versuchte, flüchtige Momente mit seiner Familie und Freunde  festzuhalten.


Während des 1. Weltkrieges wurde Vuillards Schaffen unterbrochen, da er als Armeemaler in die Vogesen berufen wurde. Dementsprechend änderte sich das Sujet seiner Arbeiten. Ab den 1920er konnte sich der Künstler wieder der Pariser Gesellschaft widmen.


Die vorliegende Zeichnung wird in diesen Zeitraum eingeordnet. Die Interieur-szene wird von Details dominiert, jedoch sind aufgrund der skizzenhaften Darstellung keine genauen Details erkennbar. Es ist zudem unklar ob es sich Tag oder Abend handelt, da keine Schatten und keine eindeutige Lichtquelle auszumachen ist. Die Komposition wird von horizontalen und vertikalen Linien in Flächen aufgeteilt. Das Interieur zeigt den Ausschnitt eines Speisezimmers. Im Vordergrund ist ein gedeckter Tisch  zu sehen, welcher das Bild optisch teilt. Die obere Hälfte des Bildes wirkt überladen, die untere dagegen ruhig. Vuillard spielt mit den Flächen. Am Tisch, dem Betrachter gegenüber, sitzt vermutlich die Mutter des Künstlers, mit welcher er bis zu ihrem Tod 1928 zusammen gelebt hat. Der Platz ihr gegenüber ist ebenfalls gedeckt, jedoch frei. Vermutlich handelt es sich dabei um Vuillards Platz, der soeben aufgestanden ist, um die Atmosphäre dieses Momentes festzuhalten. Das Zitat Vuillards: „Ich male keine Portraits. Ich male Menschen in ihrer Umgebung.“ ist besonders auf diese Darstellung anzuwenden. Das Porträt der Mutter verschmilzt auf besondere Weise mit dem Interieur, sie wird Teil des Stilllebens und gewährt dem Betrachter einen besonderen Einblick in einen Moment Vuillards Privatlebens.